INTERVIEW ZUR METHODE



Special Coaching Methode 


Julia Meisner für globe-M


Kristiane Kupfer hat im Laufe ihrer Berufspraxis als Schauspielcoach ihr ganz spezielles Trainingssystem für Schauspieler entwickelt. Sie nennt es „Special Coaching“ und begleitet damit seit über zehn Jahren TV-, Kino- und Musical-Stars durch ihre Karriere. Mit globe-M spricht sie über ihr Erfolgsrezept, die Rolle ihrer vielfältigen Kontakte in unterschiedliche soziale Bereiche und über tägliche Herausforderungen.


globe-M: Was ist Deine erste Assoziation bei dem Begriff "Coaching"? 


Kristiane Kupfer: Da denke ich nicht zuerst an diese oder jene Schauspielmethode. Ich denke vielmehr an eine kameradschaftliche Zusammenarbeit mit konkreten Menschen, die sich als Schauspieler zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer schauspielerischen Karriere, in einem bestimmten Zeitrahmen und unter bestimmten äußeren Bedingungen auf ein bestimmtes Film- oder Fernsehprojekt vorbereiten wollen. Die Menschen, der Zeitrahmen, die Bedingungen und die Filmprojekte variieren. Und ein Coaching muss auf diese Variablen flexibel reagieren können. Mein Coaching findet daher immer 1:1 statt und nicht in der Gruppe. Meine volle Konzentration gilt immer voll und ganz dem Schauspieler, der gerade leibhaftig vor mir steht, seinen Problemen, seinen Sorgen, seinen Projekten, seinen Zielen. Und ich ziehe nie ein fertiges Programm durch. Ich versuche immer gemeinsam mit dem einzelnen Schauspieler ein Programm für seine spezielle Persönlichkeit, für sein jeweiliges Projekt maßzuschneidern. Und das immer auf gleicher Augenhöhe.


globe-M: Die Film- und Fernsehbranche ist oft wechselhaft und schnelllebig. Es wird kurz vor knapp besetzt oder umbesetzt, Drehtage werden verschoben, Szenen geändert. Welche Konsequenzen hat das für Deine Arbeit?


Kristiane Kupfer: Das verlangt einen ständigen Wechsel zwischen einem permanenten Standby-Modus und extremer Aktivität. Schauspieler oder Agenturen rufen mich oft unter ziemlichen Druck an, weil plötzlich schnell und viel gearbeitet werden muss. Da geht es zuerst um Prioritäten: Was ist für den konkreten Schauspieler in der speziellen Situation am wichtigsten? Eine sehr komprimierte und intensive Arbeitsweise macht mir da Spaß, vor allem, weil jedes Projekt anders ist. Dabei versuche ich, von dem jeweiligen Schauspieler soviel Druck wie möglich weg zu nehmen, egal aus welcher Ecke der Druck kommt. 


globe-M: Womit wir bei Deiner Methode wären. Du arbeitest nicht nach bekannten Mustern, sondern hast in den letzten zehn Jahren Deinen eigenen Stil entwickelt. Wie sieht der aus, wie bist Du auf darauf gekommen?


Kristiane Kupfer: Mein Ansatz ist praktischer Art: Zuerst versuche ich, heraus zu bekommen, welche Faktoren einer optimalen Bewältigung der Rolle im Wege stehen könnten. Nur so wird eine sinnvolle Gewichtung der anschließenden Arbeitsschritte möglich. Also: Was muss eventuell mit Regie und Produktion im Vorfeld geklärt werden? Gibt es Fehler oder Widersprüche im Drehbuch, die geklärt werden müssen? Spielt das Drehbuch mit Stereotypen? In welchem Genre bewegen wir uns? Bestehen Defizite im Spiel des Schauspielers? Besteht Nachholbedarf in der Kenntnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit? Denkt der Schauspieler zuviel oder zu wenig nach? Denkt er über die richtigen Dinge nach oder lenkt er seine Gedanken gerade auf Nebenschauplätze? Grundsätzlich halte ich jeden Schauspieler dazu an, sich gerade dort umzusehen, wo er sich nicht wirklich auskennt. Denn kaum ein Mensch kann alle Lebensbereiche, alle sozialen und beruflichen Milieus, ihre Gewohnheiten, Fertigkeiten usw. aus eigenem Erleben kennen. Versuche, mangelnde Kenntnis durch schauspielerische Phantasie zu ersetzen, führen im Ergebnis in den meisten Fällen zu Unglaubwürdigkeit. Phantasie kann dann richtig aufleben, wenn sie sich auf einer realistischen Grundlage entfaltet. Wenn ich einen Bauern spielen soll, der Traktor fährt, soll ich ja bestimmt nicht aussehen wie ein Schauspieler, der zum ersten mal auf einem solchen Ding sitzt. Da hilft kein Schauspieltraining, da helfen Fahrstunden! Also, ich werfe jetzt mal alles in einen Topf: Alkoholismus, Drogen, Krankheiten, körperliche Gebrechen, sprachliche Besonderheiten, Etikette in unterschiedlichen sozialen und intellektuellen Milieus (z.B. wie gehe ich eine Freitreppe herunter - als Angehöriger einer alten Adelsfamilie, als Bauer, als Emporkömmling, als Rebell?), religiöse oder andere Rituale – von all den Dingen, sollte der Schauspieler irgendwie schon mal einen konkreteren Begriff haben. Hat er den nicht, dann sieht jedes Harakiri aus wie ein gewöhnlicher Selbstmord und der Schauspieler wird austauschbar. Hat er diesen Begriff, hat er auch die Gestaltungsfreiheit am Set und die Chance, mich in seinen Bann zu schlagen. 


globe-M: Und wo bleibt bei so viel Vorbereitung der Raum für die Spontaneität des Schauspielers? 


Kristiane Kupfer: Wer mich auch nur etwas kennt, weiß, wie spontan ich selber bin. Diese Spontaneität bestimmt nachhaltig den Charakter und die Atmosphäre meiner Arbeit. Ansonsten müsste ich mich permanent selbst vergewaltigen, und dazu habe ich keine Lust. Im Gegenteil. Mir macht es einen geradezu höllischen Spass, ständig irgendwas Neues zu entdecken und das mit den Schauspielern auszuprobieren. Einem Schauspieler zu erklären, wie er was spielen soll, wäre mir viel zu langweilig. Dem Schauspieler immer wieder dabei zu helfen, ein Gespür für die innere Freiheit zu entwickeln, das macht mir Freude. 


globe-M: Wahrscheinlich verfügen nur wenige Schauspieler über ein umfangreiches Strafregister oder tiefer gehende Erfahrungen im harten Drogen. Welche Rolle spielen Recherchen für Dich? 


Kristiane Kupfer: Inzwischen verfüge ich über ein ziemlich umfassendes Netzwerk von befreundeten Spezialisten aus vielen Bereichen: Vom Onkologen bis zum Profiboxer, vom Bestatter bis zum Gefängnisdirektor, vom Golfspieler bis zum Gehörlosentrainer. Von denen profitiere ich. Deren Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen kann der Schauspieler meist nicht 1:1 übernehmen, aber als Inspirationsquelle sind sie unbezahlbar. Erlaubt es die Zeit, plädiere ich dafür, wenigstens zeitweise auch in den Berufen zu arbeiten: Du erfährst Details, die sich niemand einfach mal so ausdenken kann. Und Du bekommst ein ganz anderes Gefühl für Situationen, Figuren und soziale Befindlichkeiten. Ich muss nicht alles selber können, oft reichen Impulse in die richtige Richtung. Leider stößt man dann gelegentlich auch auf die Tatsache, dass für so manches Buch nur unzureichend recherchiert wurde. 


globe-M: Du hast den damals noch unbekannten David Kross auf den Film „Knallhart“ vorbereitet. Liv Lisa Fries und Edin Hasanovic haben bei Dir gelernt. Daniel Zillmann, Anna Maria Mühe, Miriam Weichselbraun, Anna Fischer, neuerdings auch Natalia Avelon und Valerie Niehaus u.a. sind alles renommierte Namen, die Du größtenteils schon lange begleitest oder lange begleitet hast. Ist Deine Methode Dein Erfolgsrezept? 


Kristiane Kupfer: Ich kann das nicht genau sagen. Es liegt immer an den konkreten Menschen und daran, was wir für einen Draht zueinander entwickeln können. Zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit gehört immer ein wechselseitiges Vertrauen. Und das entsteht nur durch beidseitige Ehrlichkeit und beidseitigen Respekt. Stellen sich dann Erfolge ein, wächst dieses Vertrauen. Mit Anna Maria (Mühe) z.B. ist das unheimlich vertrauensvoll. Ab ihrem zweiten Film haben wir alle weiteren Filme zusammen vorbereitet. Und es macht unheimlich viel Spaß, jedes mal etwas Neues zu finden, das man vorher nicht im Kopf hatte. Ich mache keine Zeichnungen wie ein Architekt, die dann umgesetzt werden sollen. Wir machen uns immer wieder ans gemeinsame Erfinden. Wenn dabei was "kickt", dann können wir das nehmen. Es ist letztlich immer eine Kombination aus den Menschen mit denen ich arbeite und mir – die Chemie muss stimmen. 


globe-M: Drehbücher erzählen oft extreme Geschichten, Du hast das vorhin schon mit Dei- nem „Spezialisten-Netzwerk“ angedeutet. Was war das Außergewöhnlichste, was Ihr während der Drehvorbereitung recherchiert und erlebt habt? 


Kristiane Kupfer: Letztes Jahr hatte eine Schauspielerin die Schwester einer sterbenden Krebskranken zu spielen. Wir durften bei einem Onkologen die palliativmedizinische Station besuchen. Das ist das, was der Volksmund Sterbestation nennt. Da ist das eigene Menschsein gefragt. Die Schauspielerin durfte anschließend einen Vormittag dort arbeiten, richtig und nicht auf einem Schonplatz. Da kommt man an die eigenen Grenzen. Und andere Grenzen öffnen sich. Und bringt man Respekt mit, öffnen sich Menschen. So konnten wir uns ausführlich und offen mit einer erfahrenen Krankenschwester dieser Station unterhalten. Das war natürlich ein mulmiges Gefühl. Aber was diese Krankenschwester verarbeiten muss und kann, das muss ein guter Schauspieler eben auch können, wenigstens ansatzweise. Er muss sich drauf einlassen können und wollen. Mehrfach war ich mit Schauspielern bei verschiedenen Abteilungen der Polizei. Auch da gilt: je mehr Respekt und ehrliches Interesse Du mitbringst, desto größer der Nutzen für Deine schauspielerische Arbeit. Mit Polizisten rede ich gerne. Die wissen viel vom Leben. Und ich habe nicht selten erlebt, dass Schauspieler, die am Anfang einem Bullen "Guten Tag" gesagt hatten, sich am Schluss von einem Menschen verabschiedet haben. 


globe-M: Und wie steckst Du das privat weg oder nimmst Du alles mit nach Hause?


Kristiane Kupfer: Das wechselt. Ich habe zum Glück einen Charakter zwischen Tom Waits und Micky Mouse. Außerdem arbeite ich ja am Tage meist an ganz unterschiedlichen Projekten, da hebt sich vieles gegenseitig wieder auf. Und ich achte ich darauf, dass der Schauspieler nach jedem Coaching weiß: Ich arbeite momentan für einen Film – das ist nicht mein privates Leben. Einkitschen ist nicht! Bleibt für mich selbst an einem Tag was zum Abarbeiten übrig, mach ich das mit Freunden ab oder mit meinem Labrador Johnny. Oder ich blödel rum. 


globe-M: Welche Projekte sind Dir die liebsten? 


Kristiane Kupfer: Ich liebe Schnellschüsse! Zeitdruck mobilisiert meine Phantasie auf Knopfdruck. Und je komplizierter das Thema desto besser. Ich scanne blitzschnell das vorhandene Chaos, mein Gehirn und meine Kontakte, und dann wird mit Elan losgelegt. Druck wandelt sich quasi ohne meine Zutun in Spass an der Aufgabe, der sich sehr gut auf den Schauspieler übertragen lässt. 


globe-M: Arbeitest Du nur projektbezogen? 


Kristiane Kupfer: Nein, aber ich bin großer Fan von Einzelcoaching. Die Schauspieler kommen zwar hauptsächlich zur Casting- und Drehvorbereitung, aber viele wollen einfach auch an sich arbeiten. Da nutze ich dann das große Archiv von Texten und Drehbüchern in meinem Actors Studio. Das ist nach verschiedenen Genres sortiert. Und ich finde es spannend, für Schauspieler ganz unterschiedliche Genres rauszusuchen. Auch mal solche Rollen, die sie normalerweise nicht spielen würden. Denn das erweitert die Bandbreite, ermöglicht Überraschungen und schafft Spielfreude. Außerdem halte ich Cold Readings für extrem wichtig. Das muss jeder können. Lesen ist absolute Voraussetzung. Die Leute lernen bei mir in kurzer Zeit, auf den Text zu schauen und anschließend gleich zu spielen. Bei Castings gibt’s oft auch Überraschungsszenen vor Ort, da muss der Schauspieler souverän bleiben können. Das kann er, wenn er das trainiert hat. 


globe-M: Du coachst seit kurzem nicht nur Schauspieler, sondern auch Musicaldarsteller. Sind sich diese Branchen doch so ähnlich oder wie kam es zu dieser Erweiterung? 


Kristiane Kupfer: Ich habe früher selbst in Bands gesungen – Schlager der 20er und 50er Jahre, Rock- und Popsongs, Swing. Und hatte jahrelang ein eigenes Orchester mit Supermusikern, mit dem wir in Los Angeles waren, in halb Europa und fast ganz Deutschland. Schon als Kind hatte ich ein Faible für Musik. Ich habe ja auch im Osten parallel zum Schauspiel noch „TuM“ studiert, also Tanz und Unterhaltungsmusik und hatte zu Musikern und Sängern immer eine große Affinität. Den Ausschlag gaben dann letztes Jahr Auditions für das Musical "Elisabeth". Da habe über 150 Musicaldarsteller erlebt und gesehen, wie hart der Druck ist, wenn man maximal 5 Minuten hat, um sich zu präsentieren. Daraufhin habe ich ein spezielles Coaching-Programm entwickelt, dass Musical-Darsteller motivieren, bestärken und vor allem ihre Performance bei Auditions wesentlich optimieren soll.


globe-M: Wie unterscheidet sich das Coaching von Musicaldarstellern gegenüber dem von Schauspielern?


Kristiane Kupfer: Da gibt es grundsätzlich andere Herangehensweisen als auch Übereinstimmungen: Ein Musicaldarsteller singt und tanzt ja vor allem und sollte dazu schauspielerische Grundlagen beherrschen. Gesang, Tanz und Spiel in einer möglichst organischen Einheit verbinden zu können, das zeichnet dann die Stars aus. Die Herstellung dieser Einheit steht im Zentrum meiner Arbeit mit den Musicaldarstellern. Ich versuche dabei nicht, den Traum zu wecken, dass der- oder diejenige jetzt Film- oder Fernsehschauspieler werden soll, obwohl da Überaschungen durchaus mal drin sein könnten. Es gibt Überschneidungen zum Schauspieler: Es ist immer eine konkrete Situation, in der gesprochen oder gesungen und getanzt wird. Was ist das für eine Situation? Wo ist der Bezug? Das muss konkret werden. Das sind Sänger, die schauspielerisch andere Anforderungen haben, als sie vor der Kamera gelten. Es muss ein großer Raum gefüllt werden, es muss vom Gesang oder Tanz direkt zum Spiel übergegangen werden, ohne dass da ein Bruch in der Intensität entsteht. Es ist ein anderer Stil. 


globe-M: Vielen Dank für das Gespräch.   



Kristiane Kupfer, 1960 in Berlin geboren, Absolventin der Staatlichen Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch", studierte an der Musikhochschule in Berlin drei Jahre "Tanz und Unterhaltungsmusik" im Fach Pop-Gesang. Sie hat 15 Jahre als Schauspielerin am Theater, bei Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt und eine mehrjährige Tourneetätigkeit mit eigenem Orchester absolviert. Sie trat unter anderem im Friedrichstadtpalast Berlin auf, in der alten Oper Frankfurt, Los Angeles, zu den Olympischen Spielen in Atlanta und beim Bundespresseball.